Erstveröffentlichung in der Print-Ausgabe Nr. 41 (März 2015) der Ronahî – Zeitschrift des Verbandes der Studierenden aus Kurdistan (YXK)

Bild: Kobanê 10/2014; Erstellt von M. Akhavan / Persian Dutch Network; Lizenz

Wenn wir uns in den Medien und auf den Straßen umhören, werden wir immer wieder auf einen Begriff stoßen, den niemand der Beteiligten so recht zu definieren vermag. Den Begriff der „Kultur“. Nicht nur, wenn es darum geht, die angebliche Besonderheit der eigenen Region anzupreisen, oder darum, sich von „bildungsfernen Schichten“ abzugrenzen, indem man über Kunst plaudert und das Feuilleton liest; sondern auch dann, gerade dann, wenn es um die Interpretation globaler und sozialer Konflikte geht. „Wie friedlich ist der Islam wirklich?“ fragen uns die Schlagzeilen, nach einem dschihadistischen Mordanschlag in Paris.


Ein „Kampf der Kulturen“ nach dem „Sieg des Kapitalismus“?

Gehen wir zurück an den Anfang der 1990er Jahre. Die globale Krise der Warenproduktion trifft zu allererst die Nachzügler der Industrialisierung. Der ökonomische Zusammenbruch der staatlich gelenkten Warenproduktion in der UdSSR führt zu einem Zusammenbruch des gesamten „real existierenden Sozialismus“. Der Kapitalismus scheint gesiegt zu haben. Der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama ruft diesen Sieg aus, indem er die These eines „End of history“ aufstellt. Diese besagt, dass nach dem Ende des „real existierenden Sozialismus“ die liberale Demokratie einen weltweiten Siegeszug erfahren wird. Sie sei die letzte und höchstmögliche Entwicklungsstufe menschlicher Gesellschaftlichkeit.

Die reale geschichtliche Entwicklung widerlegte Fukuyamas fragwürdige These kurzer Hand. Bürgerkriege wie die im noch-Jugoslawien, oder in Tschetschenien, das Entstehen neuer Diktaturen in ehemaligen GUS-Staaten wie beispielsweise in Kirgistan, Tadschikistan oder Belarus und auch das Erstarken islamistischer Bewegungen, das zunächst seinen Höhepunkt in der Machtübernahme der afghanischen Taliban 1996 fand, erforderten einen anderen Erklärungsansatz.

Den in den westlichen Öffentlichkeiten meistbeachteten Ansatz lieferte der Harvard-Professor Samuel P. Huntington. 1993 veröffentlichte er in der „Foreign Affairs“ seinen Aufsatz „The Clash of Civilizations?“ und legte 1996 mit einem gleichnamigen Buch, jedoch ohne Fragezeichen im Titel, nach. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 war der sogenannte „Kampf der Kulturen“, wie Huntingtons Werk in deutscher Übersetzung heißt, in aller Munde. Die Mehrheit der Medien und der Bevölkerung, aber auch die Wissenschaft begannen Kultur als primäres Erklärungsmodell für die Probleme des 21. Jahrhunderts heranzuziehen. Antimuslimischer Rassismus, Moscheebau-Debatten, Racial Profiling an Flughäfen, PEgIdA, Wahlsiege rechtspopulistischer Parteien in ganz Europa, Breivik und Sarrazin sind nur einige besonders prominente Beispiele für die Folgen des virulenten Kulturalismus.

Was genau ist Huntingtons Begriff von Kultur? „Eine Kultur ist somit die umfassendste kulturelle Gruppierung von Menschen und die höchste Ebene von kultureller Identität, die Menschen haben, abgesehen von dem, was Menschen von anderen Spezies unterscheidet. Sie definiert sich sowohl durch gemeinsame objektive Elemente wie Sprache, Geschichte, Religion, Gebräuche, Institutionen, als auch durch die subjektive Selbstidentifikation der Menschen. Menschen haben verschiedene Ebenen von Identität: ein Römer, ein Italiener, ein Katholik, ein Christ, ein Europäer, ein Westler. Die Kultur zu der er gehört, ist die höchste Ebene der Identifikation“ (Huntington, 1996, S. 43). Auch jenseits von PEgIdA und Pro NRW ist dieser Begriff von Kultur hegemonial.

Zurück zur Frage globaler Konflikte. Wenn Huntington in seinem Werk den hegemonialen Kulturbegriff ratifiziert hat, dann ist es nicht verwunderlich, wenn auch folgende Sichtweise Huntingtons den Zeitgeist ziemlich genau trifft: „Westliche Konzepte unterscheiden sich fundamental von den in anderen Kulturen vorherrschenden. Die westlichen Ideen des Individualismus, des Liberalismus, der Verfassungsmäßigkeit, der Menschenrechte, von Freiheit, von Gleichheit, der Rechtsstaatlichkeit, der Demokratie, des freien Marktes, der Trennung von Staat und Kirche, treffen oftmals auf geringe Resonanz in islamischen, konfuzianischen, japanischen, hinduistischen, buddhistischen oder orthodoxen Kulturen“ (Huntington, 1993, S. 141).

Huntington ruft „den Westen“ dazu auf, einzusehen, dass Demokratie und Menschenrechte „dem Islam“ fremd seien, weil sie „westliche Werte“ seien. Das Scheitern von Nationalstaaten im mittleren Osten, der vermeintliche Siegeszug des sogenannten „Islamischen Staates“ erscheinen vor diesem Hintergrund nur als konsequente Abwehr westlicher Kulturelemente aus islamischen Gebieten. Gleichermaßen könnte es folglich für „den Westen“ geboten sein, Menschen aus „anderen Kulturen“ aus den eigenen Ländern fernzuhalten, oder abzuschieben und sich nicht dem naiven Versuch hinzugeben, irgendwelche Maßnahmen zu unterstützen, die Demokratie und Menschenrechte stärken. Dass Stabilität und ökonomische Verlässlichkeit für den Westen tatsächlich mit Demokratie nichts zu tun haben müssen, zeigt sich in der Freundschaft und ökonomisch-militärischen Kooperationen mit finstersten Diktaturen wie beispielsweise Saudi-Arabien, Qatar oder Bahrain. Wobei sich ohnehin die Frage stellt, wie vor dem Hintergrund des europäischen Kolonialismus, der eher mit Zwangsarbeit, Militärherrschaft, Krieg, Massenmord, Lynchjustiz, Raub und Rassismus in Verbindung gebracht werden kann, als mit Demokratie und Menschenrechten, die Annahme zu rechtfertigen ist, dass „der Westen“ jemals von dem Ziel geleitet war letztere in der Welt zu verbreiten. Insbesondere Menschen in den ehemalig kolonisierten Weltregionen dürften mit der Assoziation Westen-Demokratie-Menschenrechte ziemlich wenig anfangen können.

Doch die neuesten Entwicklungen bringen deutlich zu Tage, wie ohnmächtig der kulturalistische Erklärungsansatz in der Tat ist. Während 2009 im Iran, 2012 in zahlreichen arabischen Ländern und im selben Jahr in Nordsyrien/Rojava Millionen von Menschen auf die Straßen gingen, um sich sowohl die säkulären Diktaturen, als auch den Islamismus in seinen diversen Ausprägungen vom Hals zu schaffen, ziehen tausende junger Menschen aus Europa, Nordamerika, Süd- und Ostasien für den „Dawlat al-Islam“, den sogenannten „Islamischen Staat“ in den Krieg. Warum steht „Kultur“ als Erklärung für die unterschiedlichsten Phänomene im 21. Jahrhundert so hoch im Kurs?

Zur Kritik der kulturalistischen Ideologie

Tatsächlich lässt sich seit den 90er Jahren von einem „cultural turn“ in allen Gesellschaftswissenschaften sprechen. Kulturelle Ansätze verdrängten politische und ökonomische. Dazu der wertkritische Theoretiker Robert Kurz in seinem Buch „Weltordnungskriege“: „Das Paradigma der politischen Ökonomie ist durch das Paradigma des Kulturalismus ersetzt worden. Mit der selben Inbrunst, wie man in den 70er Jahren Klassenkämpfe und Klassentheorien studierte, wurden nun kulturelle Formen, >kulturelles Kapital< (Bourdieu), Lebensstile, Identitätsformen, usw. studiert. Keineswegs zufällig und keineswegs bloß zeitlich schließt diese intellektuelle Wende komplementär an die sozial- und wirtschaftspolitische Wende des Neoliberalismus an. Die Gesellschaft wird nicht mehr wesentlich als Produkt der politischen Ökonomie, sondern als Produkt eines >kulturellen Diskurses< begriffen, statt das kulturelle Moment zur Dynamik der Kapitalakkumulation und ihrer Krisen in Beziehung zu setzen“ (Robert Kurz, 2003, S. 89ff).

Die Virulenz des Kulturalismus steht in enger Verbindung mit der Entwicklung der Produktivkräfte und der Krise der kapitalistischen Vergesellschaftung. Während die Logik des Warentauschs alle äußeren Grenzen überschritten hat, quasi den gesamten Globus beherrscht und alle gesellschaftlichen Teilbereiche von der Technik bis zur Kunst, vom Sport bis zur Wissenschaft, unter sich subsumiert hat, stößt das Kapital an seine innere Grenze. Es rationalisiert die Quelle des Mehrwerts, die abstrakte menschliche Arbeitskraft zusehends durch technischen Fortschritt weg. Ganze Weltregionen stehen bereits ohne jegliches Verwertungspotenzial für den Weltmarkt da. Die Folge davon ist auch die Krise des Nationalstaats. Urprünglich als „ideeller Gesamtkapitalist“ (Engels) notwendig geworden, um die allgemeine Konkurrenz in einem reproduktionsfähigen Rahmen zu halten, schwindet ihm seine ökonomische Grundlage dahin. Wo Geld nicht über die Produktion und den Tausch von Waren verdient werden kann, gehen staatliche Institutionen in Korruption und Bandengewalt unter. Fundamentalistisches Halbwissen und missionarische Sozialeinrichtungen ersetzen umfassende Bildung und staatliche Sozialsysteme.

Problematisch ist das für die marktwirtschaftlich-demokratische Ideologie dann, wenn diese Vorgänge nicht mehr in einem abgrenzbaren Außen, wie es beispielsweise die Staaten des Warschauer Paktes bildeten, stattfinden. Unmittelbar nach dem Sieg des Kapitalismus beginnen die Menschen mehr denn je übereinander herzufallen. Mitten in der befreiten Welt. Der kulturalistische Ansatz scheint dieses Problem zu lösen, indem er ein neues „Außen“ in Form scheinbar eindeutig andersartiger „Kulturen“ konstruiert. Die Ursache von Korruption ist in dieser Lesart nicht Armut, sondern „bad governance“, der Dschihadismus ist keine reaktionäre Ausgeburt des Kalten Krieges gegen die Sowjetunion und auch keine Krisenideologie abgehängter Teile der Weltbevölkerung. Er ist schlicht und einfach der Kampf einer Kultur, gegen eine andere.

Um „die Kultur“ in eine derartige Logik einspannen zu können, muss ein spezifisch objektivistischer Kulturbegriff zu Grunde liegen. Dieser beinhaltet den „Versuch […], Kultur über einfache objektive Leitunterscheidungen zu definieren. Kultur als Zustand läßt sich aus objektivistischer Sicht in mehreren Hinsichten von einem nichtkulturellen Außen abheben: auf einer zeitlichen Achse hat Kultur ein Davor und ein Danach, auf einer räumlichen Achse einen ihr entgegenstehenden nicht-kulturellen Zustand. Historisch und geographisch umrissene Kulturen unterscheiden sich darüber hinaus von anderen Kulturen. Sowohl Kultur als auch ihr Anderes werden als Zustände gedacht, die einfach unterschieden, d.h. einander undialektisch gegenübergestellt werden“ (Hetzel, 2001, S. 110). Diese Leitunterscheidungen sind aber in der Spätmoderne im Fallen begriffen. Mittlerweile beobachten wir eine Gesellschaft, die kommunikativ global vernetzt ist, technisch hochgradig entwickelt, die imaginäre Bilder, sowie Töne nach Belieben am Computer generieren kann, die genetisches Material manipuliert und Gefühle mittels Medikation beeinflussen kann, in der die Städte sich einander angleichen und der Raum durch immer schnellere Logistik dahinschwindet, in der über YouTube und twitter jede politische und religiöse Botschaft in Sekundenschnelle von jedem Ort aus der gesamten Welt zugänglich gemacht werden können. Folglich lässt sich schwerlich noch zwischen hoher und niederer Kultur, zwischen Kultur und Technik, Kultur und Natur, geschweige denn zwischen einer Kultur und einer anderen Kultur unterscheiden.

Der objektivistische Begriff der Kultur selbst gerät also zunehmend in eine Krise. Und die Versuche ihn als letzten ideologischen Anker zu retten, werden allerseits immer verzweifelter. Das beste Beispiel ist die jüngste Popularität des Dschihadismus in Europa.

Dschihadismus und „Kultur“

Der Dschihadismus, insbesondere unter dem Label des „Dawlat al-Islam“, ist in Europa unter jungen Menschen populär wie nie zuvor. Mittlerweile ist es weithin bekannt, dass die meisten derjenigen, die aus Europa in den Irak und Syrien ausreisen, um dort am Krieg auf Seiten des „IS“ teilzunehmen, keineswegs langjährig praktizierende Muslim*innen sind. Ob aus muslimischen Familien stammend oder nicht: in den meisten Fällen reichen wenige Jahre des Engagements in fundamentalistischen Gruppierungen aus, um den Entschluss zu fassen, auszureisen.

Das steht freilich in Widerspruch zur Idee von einem Kampf der Kulturen, wenn Kultur sich denn durch „Sprache, Geschichte, Religion, Gebräuche, Institutionen“ (Huntington, s.o.) definieren sollte.

Die Krise der kapitalistischen Gesellschaft und ihre Folgen der strukturellen Massenarbeitslosigkeit, Ökonomisierung aller Lebensbereiche, gesteigerter Konkurrenz und gesteigertem Anerkennungsdruck wird von den betroffenen Personen in der Spätmoderne vielfach nicht als soziale sondern als individuelle Krise erlebt. Dschihadisten, die auf YouTube ihren Weg zur Erleuchtung erläutern, so beispielsweise der als Abu Talha al-Almani bekannte Deutsche Dennis Cuspert, weisen darauf hin, dass ihre Probleme mit Drogen und Kriminalität Folge gering ausgeprägter individueller Moralvorstellungen seien. Indem sie ihren „Weg zu Allah“ gefunden haben, konnten sie ihre Probleme überwinden. Die Auswanderung nach Syrien kann sowohl ökonomisch als auch bezüglich der Sinngebung eine Alternative zur oftmals hoffnungslos erscheinenden Situation in europäischen Großstädten bieten.

Trotz der offensichtlichen Nutzlosigkeit eines kulturalistischen Erklärungsansatzes für den Dschihadismus greifen Andrea-Fischer Tahir und Katrin Mlodoch zu kurz mit ihrem Plädoyer für „eine materialistische Konfliktanalyse. Wer im IS einen >>antikolonialen Reflex<< sieht oder aber Identiätsdefizite als Erklärungsansatz stark macht, vernachlässigt, dass wir es mit einer Bewegung zu tun haben, die vor allem Teilhabe an lokalen, regionalen und globalen Reichtümern und Ressourcen, einschließlich Menschen, beansprucht“ (Fischer-Tahir, Mlodoch, 2014, S. 29). Richtig ist: der IS finanziert sich über Ölverkäufe, „Frauenhandel“, geraubte Kunstschätze und Spenden. Er bietet also in der Krise eine alternative Möglichkeit der Gewinnschöpfung.

Aber: Identität spielt in einem materialistischen Ansatz hierzu ebenfalls eine relevante Rolle. Die Beschleunigung des spätmodernen Kapitalismus führt nicht nur zu ökonomischer, sondern auch zu identitätsbezogener Not. Permanent wechselnde Anforderungen, permanent sich unter dem ökonomischen Druck ändernde Lebenssituationen, hohe Mobilität, permanenter sozialer Zugriff via Smartphone und Web 2.0. Die Identitätsformen, die es noch im 20. Jahrhundert in langfristig stabilen Arbeitsverhältnissen gegeben hat, sind im Begriff auszusterben. Es wird bald nicht mehr möglich sein, sich als Metzger*in, Schmied*in, Journalist*in, Schneider*in zu definieren. Genauso wenig als Kölner*in, Düsseldorfer*in, Berliner*in, Hamburger*in. Diese Identitätsgrundlagen sind im permanenten Wandel begriffen (vgl. hier zu Rosa 2002).

Demgegenüber steht heutzutage ein bunter Markt der „frei“ wählbaren Identitätsformen. Jede*r kann sich entscheiden alles mögliche zu sein und muss es sogar, um sich gut zu verkaufen. Fußball-Ultrà von Verein X oder Y, Teil dieser oder jener Subkultur, kultivierte*r Theatergänger*in, oder eben Dschihadist.

Gerade die Kontingenz, also die völlige Unabhängigkeit der Identitätsform von der tatsächlichen Lebensform, führt dazu, dass manche Identitätsform zu verzweifelt, so fundamentalistisch praktiziert werden. Schaut man sich Predigten deutscher Salafisten an, so bekommt man mit, dass die Inhalte relativ schnell zu verstehen sind und die verkündeten praktischen Anweisungen relativ einfach umzusetzen. Niemand muss Jahre lang in die Moschee gehen, oder den Koran lesen, um sich als Muslim einen Namen zu machen. Es reicht aus, auf eine öffentlicher Veranstaltung mit Pierre Vogel zu gehen und das Glaubensbekenntnis ins Mikro zu sagen. Und eben gerade diese äußerlich angeheftete Identitätsform, die nicht jahrelang gewachsen, durch Sozialisation und Zwänge eingeprägt ist, fungiert als der oben beschriebene identitäre Rettungsanker.

Der Versuch jedoch, diese Identität zu verteidigen, mündet in einem gnadenlosen Nihilismus, der dem Nihilismus der kapitalistischen Warenproduktion in nichts nachsteht. Das muss er eben auch, denn hinter der Identitätsfassade, dem Label, ist nichts mehr, was verteidigt werden könnte.

Ein Ausweg aus den Weltordnungskriegen…

Und so bemühen sie sich alle entgegen jeder Realität um ein kulturelle Interpretationen. Während die Nazis von PEgIdA gegen „Islamisierung“ demonstrieren und alle Muslime am liebsten rauswerfen wollen, fordert die bildungsbürgerliche Wochenzeitung „Die Zeit“, man müsse „für einen anderen Islam“ kämpfen. Das Bündnis der westlichen Nationalstaaten versucht es schon länger und mit immer weniger Hoffnung auf die chirurgische Variante. Islamistische Terrorgruppen werden weggebombt, andere islamistische Terrorregime erhalten Waffen und Geld, wiederum andere werden mit Sanktionen in Schach gehalten. Eine eindeutige Strategie ist dahinter nicht zu erkennen. Es wäre ein fataler Trugschluss, die heutige Situation mit den selben Analysekategorien behandeln zu wollen, wie zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Zeiten, in denen die westlichen Nationen untereinander um Territorien und Rohstoffe zankten sind vorbei. Es geht heutzutage um nichts geringeres als um die Verteidigung der kapitalistischen Weltordnung selbst. Dafür müssen vor allem Handelswege und wichtige Rohstoffe wie Öl sicher und zugänglich für den Weltmarkt bleiben. Das erklärt das vollkommen voluntaristische Vorgehen der NATO bei der Wahl ihrer Bündnispartner. Und während der „ideelle Gesamtimperialist“ (Kurz) im mittleren Osten eine strategische Fehlentscheidung nach der nächsten trifft, nimmt er in weniger weltmarktrelevanten Regionen Bandenkriege und Völkermorde tatenlos hin. Oder kann sich hier irgendjemand daran erinnern, dass der Genozid im Sudan wochenlang ganz oben in den Schlagzeilen gewesen wäre?

Die kurdische Bewegung scheint dieses Prinzip bereits erkannt zu haben. Es gibt keine verlässlichen Verbündeten unter den kapitalistischen Nationalstaaten und global players. Sobald man nicht mehr nützlich ist, wird man fallen gelassen. Dennoch ist es richtig gewesen, die USA dazu zu drängen, den IS aus der Luft zu bombardieren. Das Ende der Barbarei freilich kann weder von den USA, noch von der NATO, der EU oder gar von Russland oder China bestellt werden. Eine emanzipatorische Alternative jenseits der blinden Gewalt des Marktes und der gewaltigen Verblendung des Dschihadismus kann nur im Ausstieg aus der kapitalistischen Moderne bestehen. Das bedeutet in letzter Konsequenz eine Art und Weise Vergesellschaftung herzustellen, die jenseits von Nationalstaat und Warenproduktion abläuft. Hierzu bedarf es keiner in Stein gemeißelten Lehrsätze und auch keines Kanons an Normen und Werten: es bedarf ganz im marxschen Sinne einer „wirklichen Bewegung“, in der die Menschen alle ihre Belange selbst in die Hand nehmen und gemeinsam organisieren.

Literatur:

Fischer-Tahir, Andrea; Mlodoch, Katrin (2014): Einsame Helden vs. Reiter der Apokalypse? Blindstellen bei der Analyse des Islamischen Staates und ihre gefährlichen Folgen. In: analyse&kritik (2014): Kampf um Kurdistan. Der Aufstieg des >>Islamischen Staates<< und das Revival des linken Internationalismus

Hetzel, Andreas (2001): Zwischen Poiesis und Praxis. Elemente einer kritischen Theorie der Kultur, Würzburg

Huntington, Samuel P. (1993): The Clash of Civilizations? In: Ó Tuathail, Gearóid (2006): the geopolitics reader, New York, S. 136-144

Huntington, Samuel P. (1996): The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order, London

Kurz, Robert (2003): Weltordnungskrieg. Das Ende der Souveränität und die Wandlungen des Imperialismus im Zeitalter der Globalisierung, Bad Honnef

Rosa, Hartmut (2002): Zwischen Selbstthematisierungszwang und Artikulationsnot? Situative Identität als Fluchtpunkt von Individualisierung und Beschleunigung. In: Straub, Jürgen; Renn, Joachim (Hrsg.): Transitorische Identität. Der Prozesscharakter des modernen Selbst, Frankfurt am Main/New York, S. 267–302

[alle Zitate aus Huntington 1993 und 1996 wurden für den vorliegenden Artikel aus dem englischen Original übersetzt]

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