Bild: Pressekonferenz der hungerstreikenden Refugees auf dem Münchener Rindermarkt 2013. koernerfresser

Viele Debatten wurden um die Beerdigungs-Inszenierungen und die inszenierten Beerdigungen von an den EU-Außengrenzen ermordeten Geflüchteten durch das „Zentrum für politische Schönheit“ geführt. Es wurde den Aktionskünstler_innen vorgeworfen, in ihren Texten die Shoah relativiert zu haben, andere fanden die Aktionen pietätlos und sahen sie als Instrumentalisierung von Toten. Große Teile der radikalen Linken sahen jedoch unabhängig von derartigen Kritikpunkten einen subversiven Gehalt in den Aktionen des ZPS. Dabei verkennen sie den Charakter dieser medial inszenierten Beerdigungen grundlegend.


Ob diese Praxis nun pietätlos ist oder nicht, ist tatsächlich vollkommen uninteressant und kann gar nicht ohne weiteres festgestellt werden in vollkommen medialisierten Welt, die keinerlei Distanz oder Respekt mehr kennt. Eins sind die Beerdigungs-Happenings allerdings nicht: politischer Widerstand gegen das europäische Grenzregime. Die hässliche Ideologie des Humanismus wird weder schöner noch wirksamer, indem man ihr „Aggressivität“ attribuiert. Humanismus und Menschenrechte, ob aggressiv oder nicht, sind gegenüber den Verbrechen und Grausamkeiten der kapitalistischen Moderne schon immer vollkommen machtlos gewesen. Der Versuch, diese Machtlosigkeit mit Aktionismus zu überspielen, ist ebenfalls nicht neu.

Der kritische Theoretiker Theodor W. Adorno richtete seine Kritik bereits 1969 in seinem Aufsatz „Marginalien zu Theorie und Praxis“ gegen eine Scheinpraxis, die vor allem über die Machtlosigkeit der widerständischen Subjekte gegenüber den Verhältnissen hinwegtäuschen soll:

Spontaneität, welche die Bedürftigkeit des Objekts innervierte, müßte an die anfälligen Stellen der verhärteten Realität sich heften, an die, wo die Brüche nach außen kommen, die der Druck der Verhärtung bewirkt; nicht wahllos, abstrakt, ohne Rücksicht auf den Inhalt des oft nur der Reklame zuliebe Bekämpften um sich schlagen.

Theodor W. Adorno, Marginalien zu Theorie und Praxis

Eine Variante dieser Scheinpraxis sind die aktionistischen Happenings, die moralisierend ausrufen, „daß keiner guten Willens es länger mitansehen dürfe“ und damit „den Gewissenszwang“ (ebd.) rationalisieren:

Brecht, der der damaligen Lage gemäß noch mit Politik zu tun hatte, nicht mit ihrem Surrogat, sagte einmal, dem Sinn nach, ihn interessiere, wenn er ganz ehrlich mit sich sei, au fond das Theater mehr als die Veränderung der Welt. Solches Bewußtsein wäre das beste Korrektiv eines Theaters, das heute mit der Realität sich verwechselt, so wie die happenings, welche die Aktionisten zuweilen inszenieren, ästhetischen Schein und Realität verfransen. Wer hinter Brechts freiwilligem und gewagtem Geständnis nicht zurückbleiben möchte, dem ist die meiste Praxis heute verdächtig als Mangel an Talent.

Theodor W. Adorno, Marginalien zu Theorie und Praxis

Eine derartige Ehrlichkeit stünde den Inszenierungs-Künstler_innen vom „Zentrum für politische Schönheit“ ebenfalls gut zu Gesicht. Wenn diese einen Imam zitieren, der anmerkt, die Beerdigung sei kein Event, sondern „ein wahres Ereignis“, dann ist an dieser Stelle wohl der Wunsch Vater des Gedanken. Das wahre Ereignis hat zum Zeitpunkt der Beerdigung längst stattgefunden: der Massenmord der Europäischen Union an Flüchtenden aus aller Welt im Mittelmeer. Gerade die Inszenierung der Beerdigung (und jede Beerdigung ist gewissermaßen eine Inszenierung, nur nicht notwendiger Weise eine mit einer derartigen medialen Reichweite) soll darüber hinweg täuschen, dass die Künstler_innen des ZPS keinerlei Zugriff auf das der Inszenierung vorgängige, wahre Ereignis hatten. Würde und Pietät mögen dieser Tage immer konstruiert und inszeniert sein – das ZPS setzt diese Inszenierung jedoch an die Stelle von kritischer Theorie und widerständischer Praxis, die zum Ziel hätte, die Verhältnisse zu überwinden, die derartige Schandtaten hervorbringen.

Das jedoch ist noch nicht einmal das erklärte Ziel des ZPS. Dessen Aktivist_innen setzen sich zwar auch in Form von Analysen als Gesellschaftstheoretiker_innen in Szene, ihre Analysen sind aber nicht in der Lage das gegenwärtige Weltgeschehen auch nur im Ansatz zu begreifen.

Zwei Entwicklungen verleiten zudem zu der Hypothese, dass das 21. Jahrhundert in seinen Opferbilanzen weit schlimmer ausfallen wird als das 20. Jahrhundert: [1.] die Proliferation von Massenvernichtungswaffen und [2.] die Bevölkerungsexplosion in Asien und Afrika. Den technischen Fortschritt fasste Günther Anders mit dem Wort Hasslosigkeit: er machte darauf aufmerksam, dass die Gefühle Hass und Wut für die moderne Kriegsführung unnötig geworden waren. Der moderne Soldat drückte auf einen Knopf, mit dem er die Bombe ausklinkte, die atomar 200.000 Menschen vernichtete. Die Wirkung eines Knopfdruckes wurde vom technischen Fortschritt potenziert. Handlung und Effekt stehen in keinerlei Verhältnis mehr (Anders 1979: 204). Zur Bevölkerungsentwicklung: während Mitte des 20. Jahrhunderts die Weltbevölkerung weniger als zwei Milliarden Menschen zählte, werden es Mitte des 21. Jahrhunderts über neun Milliarden sein. Beide Entwicklungen sind nicht gerade geeignet, anzunehmen, dass die Opferkurve des 20. Jahrhunderts eine einmalige statistische Abweichung darstellt, deren Ausreißen nach oben „behoben“ wäre.

Zentrum für politische Schönheit, Aggressiver Humanismus

Immerhin zeigen die Berliner Menschenrechtskünstler_innen offen, dass sie absolut keine Ahnung von den globalen Entwicklungen dieser Tage haben. Die Massenmorde in der kapitalistischen Peripherie erscheinen aus ihrer Perspektive als Folgen von Massenvernichtungswaffen und Bevölkerungswachstum. In gewisser Weise, so könnte man daraus folgern, sind die Menschen in der „dritten Welt“ ja selbst daran Schuld, wenn sie gefährliche Waffen importieren und ihr Bevölkerungswachstum nicht in den Griff bekommen. Aber das ist kein Grund für anständige Menschenrechtler_innen, den armen, hilfsbedürftigen „Drittweltlern“ zur Hilfe zu eilen. Und dass demokratische Europa das nicht erklärt sich für das ZPS mit Francis Fukuyama:

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion fristen Großtheorien und Ideologien ein Schattendasein. 1989 verabschiedete sich die letzte große Alternative von der Weltbühne. Die erste erfolgreiche demokratische Revolution auf deutschem Boden läutete ein „Ende der Geschichte“ ein. Die Attraktivität von Francis Fukuyamas gleichnamigem Buch (Fukuyama 1992, Sloterdijk 2006: 89ff., 171ff.) war die Pointe des verpassten Endes: Fukuyama unterstellte der westlichen Welt, sie sei ans Ende gelangt, ohne das selbst zu bemerken. Politiker, Intellektuelle und Künstler standen in Francis Fukuyamas Erzählung an einer Bushaltestelle, ohne erkannt zu haben, dass es sich um die Endhaltestelle für politische Visionen handelte.

Zentrum für politische Schönheit, Aggressiver Humanismus

Es fehlen Visionen, das ist die These des ZPS. Es handelt sich nicht um die Verteidigung der ökonomischen Privilegien der westlichen Staaten durch eine gezielte Militarisierung der Grenzabwehr: nein, es fehlt Europa eine menschenrechtliche Vision. Menschenrechte im Kapitalismus, das ist jedoch das Problem, werden ohnehin nur dann beachtet, wenn es ökonomisch möglich ist. Es ist vollkommen rechtens so genannte „Wirtschaftsflüchtlinge“ wieder in ihre Herkunftsstaaten abzuschieben. Auch dann, wenn sie dort verhungern würden oder an mangelnder medizinischer Versorgung sterben würden. Zum Zusammenhang zwischen dem Massenmord der EU und der ökonomischen Rationalität des Kapitalismus äußerte sich jüngst Arian Schiffer-Nasserie im sehr treffend im Vice Magazin.

Auch die Krise des Kapitalismus, die allerorten Staatsstrukturen zusammenbrechen lässt,. Korruption, bewaffnete Banden, reaktionäre Krisenideologien und religiösen Fundamentalismus hervorbringt, existiert aus der idealistischen Perspektive der Menschenrechte nicht. Es gibt eben nur die Menschenrechte und deren Einhaltung. Findet letztere nicht statt, so müssen eben entsprechende „Standards“ implementiert werden, oder es muss durch moralische Skandalisierung auf die Nichteinhaltung hingewiesen werden. Was aber, wenn der Bruch der Menschenrechte schon in ihrem Kern selbst enthalten ist? Was, wenn die gesamte bürgerliche Rechts-Ordnung in letzter Konsequenz eine indifferentes, funktionalistisches Handbuch ist, wie man sich in kapitalistischen Verhältnissen „richtig“ zu verhalten hat? Mit dem Zusammenhang zwischen Krise, Jihadismus, Bürgerkriegen und Rassismus haben wir an uns an dieser Stelle bereits eingehender auseinander gesetzt.

Im Sommer 2013 traten ca. 40 Geflüchtete aus verschiedenen Ländern in den Hungerstreik. Ihre Forderung war ihre Anerkennung als politische Geflüchtete mit der Begründung, dass der europäische Kolonialismus, der westliche Imperialismus und die kapitalistische Ausbeutung ihre Länder zerstört hatte. Sie verweigerten die Aufnahme von Essen und Flüssigkeit und drohten damit, sich bis zum Tod zu hungern, wenn sie nicht anerkannt würden. Der Hungerstreik wurde nach über einer Woche gewaltsam und unter Gefährdung der Leben der Streikenden von der bayrischen Polizei beendet. Tags zuvor hatte man noch Hans-Jochen Vogel zu Verhandlungen geschickt, der allerdings keine konkreten Angebote machen konnte. Humanist_innen und Menschenrechtler_innen waren damals entsetzt und schockiert. Die damals Hungerstreikenden betrachteten ihre Aktion als Teil eines globalen Klassenkampfes und sich selbst als die unterste Schicht der globalen Arbeiter_innenklasse. Dies ist nur eines von unzähligen Beispielen des aktiven Widerstandes von Geflüchteten gegen das europäische Grenzregime. Klassenkampf und Solidarität wären angezeigt. Und die Erkenntnis, dass unsere Befreiung [die der Menschen mit europäischen Pässen] maßgeblich von der Befreiung aller unterdrückten Menschen auf der Welt abhängt. Dafür brauchen wir keine medialen Happenings, sondern eine militante und subversive Praxis, die wirklich Druck auf Staat und Kapital ausübt.

Ursprünglich wurde dieser Text auf dem sechel blog veröffentlicht. Die Fassung auf dem rethnologie blog ist leicht geändert.

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