Bild: Kiosk in der Metro-Station Kaesong in Pyongyang; Erstellt von Nicor; Lizenz

Die gesellschaftliche Situation und Entwicklung in Nordkorea ist ein Thema, das weder in der bundesdeutschen Öffentlichkeit noch in linken und kritischen Publikationen viel und eingehend besprochen wird. Zwar ist Nordkorea immer wieder Thema – beispielsweise dann, wenn es neue Atomraketen getestet hat oder Machthaber Kim Jong-Un ein weiteres in Ungnade gefallenes Familienmitglied hinrichten lassen hat – aber eine wirklich substanzielle Analyse der Lage bleibt unter Verweis auf die ‚Abschottung‘ des Landes aus. Nordkorea erscheint gewissermaßen als eine Art staatsförmige Missbildung, als ein Sonderling unter den Staaten, der als zu nichts zu gebrauchen ist, als immer wieder beängstigende oder belustigende Schlagzeilen zu liefern, die möglichst viele Klicks auf sich ziehen. Von Seiten der radikalen Linken in Deutschland hingegen fehlt abgesehen von den vollkommen marginalen stalinistischen Apologeten der nordkoreanischen Regierung jegliche Auseinandersetzung. Es mag die weit entfernte geographische Lage sein oder auch das generelle Unvermögen sich mit der staatssozialistischen Verkehrung linker Utopien produktiv zu befassen, Tatsache ist, dass auf Nordkorea in den allermeisten Fällen in Form von Witzen referiert wird. Der Philosoph, Politikwissenschaftler und Ökonom Daniel Tudor hat sich zusammen mit dem Sinologen und Koreanisten James Pearson die Mühe gemacht, das Phänomen Nordkorea von allen Seiten eingehend zu beleuchten. In ihrem Buch „North Korea Confidential. Private Markets, Fashion Trends, Prison Camps, Dissenters and Defectors“ untersuchen sie im Detail und auf Basis von Aussagen von (ex-)Einwohner_innen die verschiedenen Dimensionen der nordkoreanischen Gesellschaft.


Tudor und Pearson haben eine Vielzahl an Quellen innerhalb und außerhalb Nordkoreas. Dazu zählen Arbeiter_innen, Händler_innen, Schmuggler_innen, Mitglieder von Polizei- und Staatsapparat sowie Exil-Nordkoreaner_innen. Aufgrund der Gefahr von politischer Verfolgung können sie viele ihrer Quellen nicht namentlich nennen, verweisen allerdings darauf, dass sie Tatsachenbehauptungen in ihrem Buch nur dann aufstellen, wenn die behauptete Tatsache von drei voneinander unabhängigen Quellen bestätigt wurde. Das Buch ist basiert weniger auf quantitativer Forschung und auch nicht auf gesellschaftstheoretischen Überlegungen, sondern auf einer journalistischen Recherche, die der Frage nachgeht, wie die nordkoreanische Gesellschaft funktioniert.

Das ist nicht nur äußerst lesenswert, sondern klingt in der Tendenz auch ziemlich realistisch und gut vorstellbar. Tudor und Pearson wahren bei ihren Analysen nicht nur eine kritische Distanz zum nordkoreanischen Regime sondern auch zum Nordkorea-Bild der internationalen Medien, die, genauso wie die offizielle Staatspropaganda des Kim-Regimes, ein verzerrtes Bild des Landes und seiner Einwohner_innen präsentiert. Die inhaltlichen Erkenntnisse erscheinen aus linkskommunistischer Sicht wenig überraschend: Nordkorea ist längst vermarktwirtschaftlicht. Spätestens seit der Hungersnot und dem Zusammenbruch des staatlichen Versorgungssystems in den 1990er Jahren erwirtschaften die meisten Nordkoreaner_innen den Großteil ihres Einkommens durch den Verkauf von Waren, die entweder selbst hergestellt oder aus dem Ausland importiert oder hereingeschmuggelt wurden. Es handelt sich um eine Schattenökonomie, die staatlicherseits zwar nicht anerkannt, aber durchaus geduldet wird. Mitglieder des Staatsapparates, deren Gehälter längst nicht mehr zum Überleben reichen, verdienen an dieser Schattenökonomie prächtig mit. Vom Schmuggel über die nordkoreanisch-chinesische Grenze bis hin zum illegalen Besitz verbotener Importprodukte: Bestechungen lassen sich in einer Ökonomie, die zum Großteil aus der Illegalität heraus operiert an allen Ecken und Enden auftreiben. Ein Großteil der nordkoreanischen Ökonomie basiert ohnehin nicht mehr auf wertbildender Produktion von Waren, sondern aus dem Erzielen von Extraprofiten und Monopolrenten, die sich aus der Illegalität vieler Waren speisen. Der nordkoreanische Markt verwertet die Reste, die vom Weltmarkt über die Grenze zu China angespült werden und bis hin zur herrschenden Kim-Familie verdienen alle daran mit. Die staatliche Armee dient ebenfalls nicht mehr der „Verteidigung des Sozialismus“, sondern ist vor allem Bau-Unternehmen mit Dumping-Löhnen. Die schlecht ausgebildeten und oft unbewaffneten Soldat_innen erhalten einen Lohn, von dem sie sich quasi nichts kaufen können. Somit steht denjenigen, die reich genug sind, um die Armee-Führung zu bestechen, ein Arbeitsheer zur Verfügung, das nur minimale Reproduktionskosten hat. Die Verlotterung und Korrumpierung des nordkoreanischen Staatsapparates erinnert an Tendenzen, die es überall auf der Welt gibt. Der Zerfall von Staaten schreitet gerade dort besonders zügig voran, wo es keine ökonomische Grundlage für einen funktionierenden Staatsapparat mehr gibt. Ein Staat ohne funktionierende „Realwirtschaft“ kann keine Steuern eintreiben und ein Staat ohne Geld kann keine Beamt_innen zahlen. Diese finanzieren sich notwendiger Weise über Korruption. Im Gegensatz zu Staaten wie Syrien und Afghanistan, die längst Opfer von Plünderungsökonomie und krisenideologischem Terror geworden sind, ist die politische Lage in Nordkorea einigermaßen stabil.

Markt in NordkoreaBild: Straßenmarkt in Nordkorea; Erstellt von Uri Tours; Lizenz

Diese Stabilität hat sicherlich verschiedene Ursachen. Zunächst in Nordkorea geopolitisch nicht derartig relevant wie der Nahe Osten, der allein aufgrund seines Ressourcenreichtums immer wieder in den Fokus der demokratisch-kapitalistischen Weltordnungskrieger_innen gerät. Nord Korea ist das Ergebnis der Blockkonfrontation des Kalten Krieges und wird noch heute durch die Volksrepublik China protegiert. Und mit diesem Ergebnis kann auch der Westen leben. Das nordkoreanische Regime steht seinen ökonomischen und politischen Interessen nicht substanziell im Wege und die Gefährdung der Weltordnung durch Atomwaffen wird auch von China kritisch gesehen und nach Möglichkeit auch eingeschränkt. Nach über 50 Jahren ohne westlich initiierten Regime-Change herrscht also immer noch die Kim-Familie. Tudor und Pearson beschreiben das politische System Nordkoreas als veritable Monarchie. Bei allem staatssozialistischen Anstrich sei der nordkoreanische Staat streng hierarchisch nach Loyalitäten zur Kim-Familie strukturiert und weise viele Ähnlichkeiten mit früheren monarchistischen Systemen in Korea auf. Die Autoren des Buches beschreiben eingehend mit welchen staatlichen Institutionen die Familie Kim operiert, um ihre Macht auszuüben und wie sie ein System von Checks and Balances installiert hat, in dem rivalisierende Gruppen gegeneinander ausgespielt und miteinander ins Gleichgewicht gebracht werden, um letztlich die eigene Macht zu sichern. Zwecks der Herstellung eines derartigen Gleichgewichts kann es auch immer wieder zu Verbannungen und Exekutionen kommen, wie der weltweit mit großem Aufsehen zur Kenntnis genommene Fall von Kim Jong-Uns Onkel Jang Song Thaek gezeigt hat. Entgegen verschiedener Gerüchte um persönliche Affären oder die vermeintlich „reformistische“ Einstellung des Hingerichteten, so Tudor und Pearson, sei seine Hinrichtung Ergebnis eines zu großen Machtzuwachses seiner Person gewesen. Und dieser sei potenziell gefährlich für die Stabilität der nordkoreanischen de-facto-Monarchie. Was das Kim-Regime unternimmt, um tatsächliche politische Gegner_innen einzuschüchtern, wird in „North Korea Confidential“ ebenfalls eingehend beschrieben. Das nordkoreanische Lager-System, das bereits vom Kim Il-Sung nach dem Vorbild Stalins errichtet wurde, dient der Entmenschlichung, der sozialen Vernichtung von Dissident_innen und oft auch ihrer gesamten Familien.

Mural mit dem Konterfei von Kim Il-Sung

Bild: Propaganda-Mural mit dem Konterfei des „ewigen Präsidenten“ Kim Il-Sung; Erstellt von stngiam; Lizenz

Womit Tudor und Pearson hingegen vollkommen falsch liegen, ist die Bewertung der sozialen Tendenzen in Nordkorea. In der Lesart der britischen Autoren bedeutet die Entstehung eines „grassroot capitalism“, wie sie es nennen, dass sich die Menschen in Nordkorea aufgrund des staatlichen Versagen selbst helfen. Sie werden in Tudors und Pearsons Interpretation gewissermaßen Autor_innen des eigenen Lebens, wenn auch unter prekären Bedingungen. Auf Basis des fortschrittsoptimistischen Axioms, dass eine Öffnung des Staates hin zu einer freien Marktwirtschaft einen ökonomischen Aufschwung und eine politische Demokratisierung mit sich bringt, prognostizieren sie Nordkorea keinen Umsturz des Regimes durch einen Volksaufstand, sondern eine langsame und abgestufte „Öffnung“ unter der Führung des aktuellen Regimes. Diese Öffnung meint freilich eine Öffnung hin zum unvermeidlichen demokratisch-kapitalistischen Paradigma. Doch der Weltmarkt bietet gegenwärtig wenig Raum für neue erfolgreiche Teilnehmer_innen. Die mikroelektronische Revolution macht große Teile der menschlichen Arbeitskraft in der globalen Industrieproduktion überflüssig und so bleibt nicht nur für die Menschen in Nordkorea der Straßenmarkt eines der letzten Verwertungspotenziale. Auch ein demokratisches Nordkorea mit legalisierten Elendsmärkten wäre immer noch ein hochgradig korruptes System. Denn bezahlen könnte der Staat seine Bediensteten auch mit einer gewählten Regierung nicht. Die Beamt_innen hätten es nur schwieriger, Anlässe zu finden, um Bestechungen einzustreichen. Das was Tudor und Pearson beschreiben ist letztlich die koreanisch-stalinistische Variante des globalen Krisenkapitalismus, der zunehmend auf Vetternwirtschaft, Bestechung, Monopolrenten und Elensmärkten beruht. Einzig die Plünderungsökonomie hat sich im staatlich strikt geführten Nordkorea noch nicht durchgesetzt. Wo nun die ökonomischen Argumente für einen potenziellen Aufschwung liegen sollen, lässt das Buch offen. Insofern muss der von einer „mixture of frustration and hope“ geprägte Blick der Autoren kritisch beäugt werden. Grund zur Hoffnung gibt es zumindest nach der Lektüre von „North Korea Confidential“ wenige. Aber wer weiß, was die Menschen mit ihren Möglichkeiten anfangen, wenn sich nach dem Staatssozialismus auch die Elendsmärkte als ökonomische Versorgungsinstanzen vollends blamieren.

Tudor, Daniel; Pearson, James (2015): North Korea Confidential. Private Markets, Fashion Trends, Prison Camps, Dissenters and Defectors. Tokyo.

Print Friendly