Dieser Aufsatz wurde zuerst in der Ausgabe #3 des mole magazin, herausgegeben von kommunistischen ums-Ganze-Bündnis, veröffentlicht.

1. Der Cultural Turn als Paradigmenwechsel für den Feminismus

In der Zeit des Kalten Krieges waren der wissenschaftliche wie auch der gesamtgesellschaftliche Diskurs wesentlich von der Systemkonkurrenz zwischen den Regulationsmodellen der Marktwirtschaft im Westen und der Planwirtschaft im Osten geprägt. Gesellschaftliche Zusammenhänge wurden folglich in erster Linie über ökonomische Ursachenkomplexe begründet. Die Frage dabei war vor allem, ob die Freiheit des Marktes, oder eine staatlich gelenkte Warenproduktion besser geeignet seien, um die Bedürfnisse der Menschheit zu befriedigen. Diese Debatte beruhte freilich auf einer verkürzten Sichtweise, da sie die kapitalistische Vergesellschaftungsweise auf die oberflächliche Frage des Regulationsmodells zurückführte. Der Kapitalismus erschien so nicht als eine Vergesellschaftungsweise, die sich hinter dem Rücken der Subjekte konstituiert und die weit über die ökonomische Sphäre hinaus alle menschlichen Beziehungen unter ihre Logik subsummiert hat. Deshalb verkam gerade in den linken Theorien die Frage nach dem Patriarchat zu einem so genannten »Nebenwiderspruch«, der sekundär von oberflächlich aufgefassten ökonomischen Ursachen abzuleiten sei. Dies war eine Mitursache dafür, dass sich eine separate Frauenbewegung bildete, da die Anliegen des Feminismus innerhalb der linken Bewegung nicht ernst genommen wurden.


Die diskursive Lage änderte sich mit dem Zerfall der Sowjetunion und dem Ende der Blockkonfrontation fundamental. Das marktwirtschaftlich-demokratische Regulationsmodell ging vorläufig als Sieger aus der Systemkonkurrenz hervor, voreilig wurde das »Ende der Geschichte« (Fukuyama) verkündet. In den Universitäten, den Zeitungen und auch in linken Kreisen verlor man das Interesse an einer verkürzt-ökonomistischen Erklärung der Welt. Man begann sich verstärkt mit Identitätsformen, Traditionen und sprachlogischen Konstruktionen als Ursachenkomplex gesellschaftlicher Zusammenhänge zu befassen (vgl. Kurz 2003, S. 90f). Der zu Grunde liegende Kulturbegriff konzipierte Kultur wahlweise als Text, Archiv, Sprachform oder Kanon von Werten und Normen. Kultur erscheint hier in objektivistischer Weise als ein der Gesellschaft vorgängiger und die Pfade der Subjekte determinierender Zusammenhang. Aus dem Paradigma des Klassenkampfes mit dem Feminismus als Nebenwiderspruch wurde nach und nach das Paradigma von kulturellen Normen und ansozialisierten Identitätsformen, die Unterdrückung hervorbrächten und die es zu hinterfragen und schließlich zu überwinden gälte. Der Cultural Turn berührte aber auch andere politische Spektren als die Linke. War der früher primär biologisch begründete Rassismus in der BRD-Öffentlichkeit der Nachkriegszeit noch verpönt, traute er sich nun im kulturalistischen Gewand wieder an die Oberfläche. Die Fragmentierung ganzer Nationalstaaten und das Aufkommen neuer Terror- und Mafiabanden auf der ganzen Welt der 90er Jahre wurde im hegemonialen Diskurs kulturalistisch erklärt. Die Idee vom »Kampf der Kulturen« (Huntington) hatte das »Ende der Geschichte« als hegemoniales Leitparadigma abgelöst. Auch hier wurden soziale Zusammenhänge über (kulturelle) Normen und Traditionen erklärt, wenngleich ohne die kritische Zielrichtung, die es in den linken Zusammenhänge dabei gab.

2. Kultur und Patriarchat

Der Cultural Turn veränderte die politischen Fronten nachhaltig und ermöglichte es Feminist_innen, die sich von der Linken vollends abgewendet hatten, das Patriarchat auf kulturalistisch-rassistische Weise zu erklären. Auch Reaktionären und Konservativen bot sich nun die Gelegenheit die Errungenschaften eines Jahrhunderts feministischer Kämpfe als Vorzug einer vermeintlich besonders freiheitlichen und menschenrechtsortientierten westlichen Kultur umzudeuten. Wenn sich frühere Protagonistinnen der feministischen Bewegung und rechtsradikale Hetzer_innen an ihren Zitaten kaum noch unterscheiden lassen, dann sieht das zum Beispiel so aus:

»Viele der überwiegend jungen Männer, die da jetzt zu uns kommen, sind bisher noch nicht einmal von einem Hauch Gleichberechtigung der Geschlechter gestreift worden. Sie kommen aus Kulturen wie dem Islam, in denen Frauen als minderwertig gelten (was durch die Radikalisierung und Politisierung des Islam nicht gerade besser wird). Sie sind überwiegend Araber, bei denen es, unabhängig vom Glauben, traditionell schlecht bestellt ist um die Frauenrechte«.

Dieses Zitat stammt von Alice Schwarzer (2015). Eine besondere Rolle spielt in der Gegenwart der antimuslimische Rassismus.

Sie kritisieren Sexismus nur dann, wenn er von vermeintlichen oder tatsächlichen Muslimen ausgeht. Die "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlands".
Sie kritisieren Sexismus nur dann, wenn er von vermeintlichen oder tatsächlichen Muslimen ausgeht. Die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlands“.

Die Idee, dass das Patriarchat vorrangig ein Produkt islamischer Kultur sei, ist derartig hegemonial, dass von sozialpädagogischen Hochschulseminaren bis in die sozialen und therapeutischen Einrichtungen der unhinterfragte Konsens besteht, dass es wohl an der ›Kultur‹ liegen müsse, wenn ein (vermeintlich) muslimischer Mann ›seine‹ Frau schlägt. Die kulturalistische Wendung der Kritik am Patriarchat ist längst kein Randphänomen mehr, sondern hat sich zur zentralen gesellschaftlichen Deutungsvariante entwickelt. Selbst in Kreisen grün-alternativer Integrationsbefürwort_innen ist die Annahme weit verbreitet, zur Integration müsse die Anerkennung ›unserer Werte‹ bezüglich der Gleichberechtigung von Mann und Frau gehören. Dabei werden patriarchale Verhältnisse im Westen entweder geleugnet, oder ebenfalls kulturalistisch erklärt. Die zwei gängigsten Muster hierbei sind die sozialpädagogische Erklärung von Sexismus über die familiäre Sozialisation (die nicht vollkommen falsch, jedoch alleinstehend völlig verkürzt ist) und die These, im Mittelalter sei Europa auch noch patriarchal gewesen, aber durch die Aufklärung sei eine Gleichberechtigung der Geschlechter hergestellt worden. Und ›der Islam‹ sei eben (noch) nicht aufgeklärt. Insbesondere Entgrenzungen patriarchaler Gewalt, wie sie zum Beispiel durch den IS oder Boko Haram verübt werden, werden vollkommen fälschlicher Weise als ›mittelalterlich‹ begriffen. Gerade sie jedoch wären im Kontext der kapitalistischen Spätmoderne und der Krise von Wertverwertung, kapitalistischem (männlich verfassten) Subjekt und Nationalstaat zu betrachten. Auf diese Weise werden die Strukturen des modernen kapitalistischen Patriarchats und auch ihre Zerfallsprodukte ideologisch aus dem Kontext der Moderne exkommuniziert und als Probleme bestimmter ›Kulturen‹ verklärt. Dies ist nicht nur rassistisch, sondern spielt politisch denjenigen in die Hände, die auch hierzulande das Patriarchat erbittert verteidigen.

3. Sexistischer Rollback – verzweifelter Traditionalismus

Der Feminismus in Deutschland konnte – zumindest für Frauen mit deutschem Pass – einige Errungenschaften erkämpfen. Diese sind jedoch alles andere als selbstverständlich, werden sie doch in Zeiten der kapitalistischen Krise politisch wieder massiv in Frage gestellt. Die völkisch-reaktionären Bewegungen und Parteien wie die AfD und PEGIDA sehen Deutschland von einem ›Gender-Wahn‹ befallen, in dem vermeintlich traditionelle Identitäten wie Mann und Frau kurz vor der Abschaffung stünden. Der PEGIDA-nahe Autor Akif Pirinçci sieht als Ursache eine Dominanz von Vertreter_innen der »Geschwätzwissenschaften« (=Geisteswissenschaften) in den gesellschaftlichen Institutionen, die von der Idee der Gleichheit aller Menschen verblendet die Abschaffung ›unserer althergebrachten Lebensmodelle‹ in den Lehrplänen festschreiben. Und auch hier hat sich der Cultural Turn längst niedergeschlagen. Die Idee ist gewissermaßen, dass eine Abweichung von Werten und Normen, die ›unsere Kultur‹ aufrechterhielten, hegemonial würde. Die sozialen Verhältnisse werden in dieser Lesart primär durch Sozialisation hervorgebracht; nicht umsonst ist bei den *GIDA-Demonstrationen immer wieder von der »Umerziehung« der deutschen Bevölkerung die Rede. Dass auch die NPD die Umerziehungsthese vertritt, zeigt, dass sich Kulturalismus und Biologismus keinesfalls gegenseitig ausschließen müssen. Oftmals wird gar die vermeintliche Kongruenz von biologischer und kultureller Determination erst als die richtige Lebensweise angesehen: »So richtig faschistoid wird es aber erst mit dem Zusatzwort ›Mann‹, wo wir doch gelernt haben, daß der Mann nur ein gesellschaftliches Konstrukt ist und, als es ihn noch gegeben hat, er nur gewalttätig, frauendiskriminierend, sexistisch, halt so ein Nazi war« (Pirinçci 2014, S. 233). Das »nur« vor »gesellschaftliches Konstrukt« spielt hier die entscheidende Rolle – in der Ideologie der *GIDA-Bewegung ist der Mann eben kulturelle Identität und biologische Determination und nur dann ein richtiger Mann, wenn beides miteinander übereinstimmt.

Aufmarsch der verzweifelten Traditionalist_innen: der "Schweigemarsch für das Leben" in Annaberg-Buchholz im Juni 2016.
Aufmarsch der verzweifelten Traditionalist_innen: der „Schweigemarsch für das Leben“ in Annaberg-Buchholz im Juni 2016.

Tatsächlich ist die Idee eines ›Kulturkampfes‹ zwischen ›traditionellen Identitäten‹ und »Gender-Wahn« keinesfalls abwegig oder disfunktional. In der Tat ist das männlich-kapitalistische Subjekt in einer tiefen inneren Krise, die in Zusammenhang mit dem strukturellen Überflüssig-Werden menschlich verausgabter Arbeitskraft nach der dritten industriellen Revolution steht, wie im Folgenden dargelegt werden soll. In Zeiten struktureller Massenarbeitslosigkeit, flexibilisierter Arbeitsverhältnisse und zunehmender Distanz zwischen Arbeitsplatz und Produktionsprozess gerät auch das Subjekt der Warenproduktion in die Krise. Seine Arbeitskraft wird immer seltener überhaupt noch benötigt und wenn in einer Form, die nicht nur körperliche Kraft oder technisch-ökonomisches Know How verlangt, sondern nervliche Stärke, Organisationskompetenz und social skills. Alles Eigenschaften, die im kapitalistischen Patriarchat abgespalten und strukturell den Frauen aufgezwungen werden (vgl. Scholz 1992). Nun fallen die Grenzen zwischen Produktion und Reproduktion. Durch die neuen Kommunikationstechnologien ist Privates von Dienstlichem kaum noch abgrenzbar und das Dienstliche verlangt die Arbeit im Team und die Einbeziehung sozialer und psychologischer Dynamiken der Mitarbeiter_innen. Frauen haben sich das Recht erkämpft, neben der Kindererziehung arbeiten zu dürfen. Jetzt sind sie oftmals dazu gezwungen, beides gleichzeitig zu tun. Der neue Mann hingegen ist nicht mehr an den männlichen ›Tugenden‹ der 60er Jahre erkennbar, er ist gezwungen sowohl als ›männlich‹ als auch als ›weiblich‹ identifizierte Eigenschaften in sich zu vereinen. Die durch die Steigerung der Produktivkräfte induzierte Beschleunigung von Arbeits- und Lebenswelten lässt feste Identitätskonstruktionen strukturell erodieren. Der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa (2005) spricht hier von einer situativen Identität in der Spätmoderne:

»Wo Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft immer wieder neu und situativ verknüpft und gedeutet werden, ändert sich auch die Konzeption dessen, wer man war, ist und und sein wird, stets aufs Neue. Ausprägung und Gewichtung der Identitätsparameter ändern sich von Situation zu Situation: Wer man ist, hängt davon ab, mit wem man es gerade zu tun hat […] und in welcher Gesellschaftssphäre man sich gerade engagiert; es wird unklar, welche Identitätsdimensionen (Beruf, Religion, Familie, sexuelle und politische Orientierung, Konsumstil, Freizeitaktivitäten etc.) zentral und welche peripher sind. Kohärenz und Kontinuität des Selbst werden somit kontextabhängig, flexibel konstruiert, seine Stabilität beruht nicht mehr auf substanziellen Identifikationen«.

Gerade diese Erosion fester Identitätskonstrukte bringt auf der ideologischen Ebene ein umso verzweifelteres Festhalten an jenen hervor. Auch wenn das Verwildern der Grenzen zwischen den Sphären der Produktion und der Reproduktion (vgl. Scholz 1998) nichts daran ändert, dass weiterhin 90% der Alleinerziehenden Frauen sind und die patriarchale Unterdrückung so allgegenwärtig wie eh und je ist – den Verteidiger_innen männlicher Vorrechte schlottern bereits aufgrund oberflächlicher sozialer Veränderungen die Knie. Diskutiert werden von ihnen nicht nicht gesellschaftlichen Fundamente von Identitätsformen, sondern lediglich die Identitätskonzepte als solche. Wenn diese sich verändern, wird dahinter keine soziale Dynamik erkannt, sondern das bewusste Handeln von Akteuren, die falschen Normen und Werten anhängen würden. So wird Ignoranz gegenüber den sozialen Dynamiken des Kapitalismus zu veritabler Paranoia vor einer manipulativen Gender-Umerziehung.

4. Für eine feministisch-materialistische Kritik!

Die erstarkenden rassistischen und sexistischen Interpretationsansätze der Realität lassen sich nur mit einer feministisch-materialistisch ausgerichteten Kritik präzise angreifen. Aber was können Grundlagen einer solchen Kritik sein? Die Bagatellisierung des Patriarchats als vom ökonomischen Klassenwiderspruch abzuleitenden Nebenwiderspruch vor Augen, ist ein Bruch mit dem ökonomistisch verkürzten Marxismus, wie er in der BRD-Linken der 70er Jahre dominant war, ohne Frage notwendig. Das Klassenverhältnis ist formal im Kapitalismus angelegt, es ist aber kein starrer Antagonismus, der allen anderen sozialen Verhältnissen vorausgeht. Vielmehr wäre der Kapitalismus nicht als reine Produktionsweise, sondern als umfassendes soziales Verhältnis zu begreifen. Die Produktion und der Tausch von Waren prägen in der Moderne alle Beziehungen von Menschen zueinander und zwar weit über die ökonomische Sphäre hinaus. Roswitha Scholz (1992) beschreibt das Patriarchat als bereits in der Wertform angelegte Herrschaftsweise. Ursächlich dafür ist eine Abspaltung aller Tätigkeiten, die nicht unter die Logik von Wert und abstrakter Zeit subsummierbar sind, weil sie emotionale Zuwendung, Beziehung und vollumfängliche Verantwortungsübernahme erfordern. Die Reproduktions- oder Caring-Tätigkeiten sind nicht vollends in Form von Arbeitskraft über den Markt vermittelbar, auch wenn es in der Spätmoderne Tendenzen dazu gibt, auch diese Tätigkeiten lohnarbeitsförmig zu organisieren. Dennoch können sie nie ganz in der Zweckrationalität der zu Markte getragenen Arbeitskraft aufgehen und bilden somit strukturell eine von der Ökonomie abgespaltene Sphäre. Das Widersprüchliche an diesem Zusammenhang ist, dass während der Wert nicht in der Lage ist, die Reproduktionstätigkeiten reibungslos in seine Logik einzugliedern, sie zweifellos eine Voraussetzung dafür bilden, dass es überhaupt eine Wertvergesellschaftung geben kann. Die Arbeitskraft kann sich nie rein dadurch reproduzieren, dass sie mit Geld bezahlt wird – es muss Caring, Beziehung, teils auch Pflege dahinter stehen. Die Reproduktionstätigkeiten sind also durchaus mit dem Selbstzweck der Wertverwertung verknüpft, müssen aber so organisiert sein, dass sie nicht vollends in seiner Rationalität aufgehen, da sie sonst ihren Zweck gerade nicht erfüllen würden. Beziehung, die rein auf reflektierten rationalen Interessen beruht, ist eben keine Beziehung mehr. Genau an diesem Widerspruch knüpft sich das Patriarchat in den Kapitalismus ein. Zwar gab es durchaus ein Patriarchat vor dem und ohne den Kapitalismus, der Kapitalismus jedoch hat sich das Patriarchat auf eine Weise nutzbar gemacht, die auch dem Patriarchat eine ganz neue Dynamik verschafft hat.

Die unmittelbare patriarchale Unterdrückung leistet das, was die vermittelten Zwänge der Wertverwertung allein nicht bewerkstelligen können. Durch Erziehung, emotionale Abhängigkeiten, psychische und physische Gewalt und sozialen Druck werden die – identitätslogisch als solche definierten – Frauen in die Reproduktionssphäre gedrängt. Auch wenn in der Spätmoderne die Grenzen zwischen Produktion und Reproduktion, wie bereits beschrieben, im Verwildern begriffen sind: die gewaltvolle Verknüpfung der Reproduktionstätigkeiten mit den Frauen bleibt. Wenn auch vielleicht an manchen Stellen weniger offensichtlich. Patriarchat und Kapitalismus sind somit in ihrem tiefsten Kern miteinander verwoben und nicht mehr getrennt voneinander zu denken. Genau deshalb ist der Feminismus auch kein Nebenwiderspruch.

5. Jenseits von Nebenwiderspruch und Kulturidealismus

Gewissermaßen wäre unsere Situation einfacher, wenn die Rechten Recht hätten und Umerziehung der Schlüssel zu einer Gesellschaft jenseits von Nation und Patriarchat wäre. Die Lage ist allerdings viel komplexer. Sie erfordert einen Widerstand, der zur Kunst wird, indem er es schafft, auf die verstellte soziale Wirkungsmacht der Subjekte zuzugreifen (vgl. Hetzel 2001, S. 165 und Kreuzer 2015, S. 46ff). Das kapitalistische Patriarchat ist letztlich weniger ein ›System‹ als eine Vergesellschaftungsform, also eine Art und Weise wie Gesellschaft hergestellt wird. Dies geschieht aber nicht nach dem Muster eingeschriebener Normen und Werte sondern mittels einer zwanghaften Logik, die erst durch das soziale Handeln der Konkurrenzsubjekte entsteht und von diesen nicht bewusst in Gang gesetzt wird. Die Zwänge zu durchbrechen erfordert eine radikal-kreative und reflektierte kollektive Praxis, die bisher noch nicht in Sicht ist. Der Feminismus ist dabei kein Nebenwiderspruch, der gelöst wird, wenn man(n) das ökonomische Regulationsmodell ändert. Er ist ein wesentlicher Teil des Bestrebens, die herrschenden Zwänge von innen zu durchbrechen und muss als verwoben mit dem Kommunismus begriffen werden. Erst beides zusammen gedacht wäre in der Lage, die wirkliche Bewegung hervorzubringen, die alle bestehenden Unterdrückungsformen umwirft.

Literatur:

Hetzel, Andreas (2001). Zwischen Poiesis und Praxis. Elemente einer kritischen Theorie der Kultur. Würzburg.

Kreuzer, Karl-Heinz (2015). Kulturalismus und soziale Krise. URL: http://www.rethnologie.info/wordpress/a … ale-krise/

Kurz, Robert (2003). Weltordnungskrieg. Das Ende der Souveränität und die Wandlungen des Imperialismus im Zeitalter der Globalisierung. Bad Honnef.

Pirinçci, Akif (2014). Deutschland von Sinnen. Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer. Waltrop.

Rosa, Hartmut (2005). Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne. Frankfurt a.M.

Scholz, Roswitha (1992). Der Wert ist der Mann. Thesen zu Wertvergesellschaftung und Geschlechterverhältnis. URL: http://www.exit-online.org/textanz1.php … =text1.php

Scholz, Roswitha (1998). Die Verwilderung des Patriarchats in der Postmoderne. URL: http://exit-online.org/textanz1.php?tab … =text1.php

Schwarzer, Alice (2015). Hat Merkel unrecht? URL: http://www.aliceschwarzer.de/artikel/al … at-merkel-

Print Friendly