Übersicht: Kulturalismen

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Dimensionen kulturalistischer Ideologie
Antimuslimischer RassismusAufklärungsidealismus'Kultur' als StandardUmerziehung
Antimuslimischer Rassismus ist ein vieldiskutiertes und in ganz Europa virulentes Phänomen. Die Erfolg rechtspopulistischer und islamfeindlicher Parteien in ganz Europa und auch die PEgIdA-Demonstrationen mit mehreren Tausend Teilnehmer_innen geben Aufschluss darüber, wie groß die gesellschaftliche Relevanz des antimuslimischen Rassismus ist. Der Rassismus gegen echte und vermeintliche Muslime ist wie viele soziale Phänomene multifaktoriell bedingt. Eine relevante Ursache mag sein, dass er als eine Art „kultureller Code“ (Volkov) für verschiedene reaktionäre Strömungen steht, die sich unter dem Banner der „Anti-Islamisierung“ trotz partieller Differenzen vereinigen können. Dies wurde bereits im Artikel „Antimuslimischer Rassismus“ als ‚kultureller Code‘?“ diskutiert, der auch auf diesem Blog abrufbar ist. Eine andere relevante Ursache für antimuslimischen Rassismus ist seine Exkommunizierungsfunktion für globale Krisenerscheinungen. Der Zerfall von Staaten, das erstarken mafiöser, postpolitischer und fundamentalistischer Terrororganisationen, Anschläge auf Ziele im Westen, entgrenzte patriarchale Gewalt oder auch Antisemitismus werden als Phänomene einer vermeintlichen ‚islamischen Kultur‘ ideologisch aus dem Zusammenhang des globalen Kapitalismus exkommuniziert. Die Krise der eigenen Vergesellschaftungsweise soll so lange es möglich ist in ein konstruiertes ‚Anderes‘ projiziert werden. Nach dem Schema, das Samuel P. Huntington ratifiziert hat, wird im hegemonialen Bewusstsein von einen ‚Kulturkampf‘ zwischen ‚Islam‘ und ‚Westen‘ ausgegangen, wobei ‚dem Islam‘ zugeschrieben wird, die vermeintlich ‚westlichen Werte‘ von Demokratie, Pressefreiheit, Gleichberechtigung o.ä. nicht zu vertreten. Die ‚islamische Kultur‘ wird als kohärenter und fester Zusamenhang von Normen und Werten angesehen, der eine bestimmte – mit der Demokratie nicht vereinbare – Gesellschaftsform hervorbringe. Der antimuslimische Rassismus ist hierbei in doppelter Hinsicht über das Moment der ideologischen Exkommunikation kapitalistischer Krisenerscheinungen hinaus verlogen. Zum einen werfen reaktionäre Strömungen ‚dem Islam‘ im Prinzip genau das vor, was sie selbst vertreten, wenn sie gegen „Genderismus“, „Homo-Ehe“, „Opferabos“ und „gierige Politiker“ hetzen: Sexismus, Homophobie, Antisemitismus. Zum anderen verschweigen sie, dass gerade Konservative aus dem Westen Jihadismus und Islamismus seit seiner Entstehung in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gefördert haben und fördern. US-Regierungsberater Brzezinski sprach von einem „green belt“, einem islamistischen Gürtel, den man südlich der Sowjetunion aufbauen wolle, um die Verbreitung linker Regierungen zu verhindern. Die NATO hat über ihr Mitglied Türkei und über ihre Verbündeten Saudi-Arabien und Qatar bis heute jihadistische Kräfte in der Region (darunter auch den sogenannten ‚Islamischen Staat‘) unterstützt. Was in der Debatte um den Islam meist vollkommen untergeht, ist, dass sie meisten Opfer von jihadistischem Terror selbst Angehörige der islamischen Religion sind.
Unter dem Begriff Aufklärungsidealismus lassen sich Denkformen zusammenfassen, die die nicht-Durchsetzung aufgeklärten Denkens als Ursächlich für Menschenrechtsverletzungen, autoritäre Regime, sexistische und homophobe Gesetze o.ä. ansehen. Aufklärungsidealistisches Denken steht dem Kulturrelativismus scheinbar diametral gegenüber, da es sich für eine universalistische Auslegung von Menschenrechten und demokratischen Prinzipien stark macht. Kulturrelativismus wird aus dieser Perspektive häufig als aufklärungsfeindlich kritisiert. Trotz der scheinbar dem Kulturrelativismus entgegen gesetzten Ansätze, ist der Aufklärungsidealismus selbst eine Spielart kulturalistischen Denkens. Zwar ist das Bestehen auf die Universalität von Menschenrechten durchaus ein emanzipatorischer Ansatz – aber der Umkehrschluss, dass die nicht-Einhaltung von Menschenrechten an einer mangelnden Durchsetzung der Aufklärung liege, ist es nicht. Hier werden vermeintlich aufklärerische Prinzipien eindimensional als Standards definiert, die einzuhalten seien. Verletzungen der Menschenrechte erscheinen hier tatsächlich als Folge der jeweiligen ‚Kultur‘. Somit bleibt die Grundannahme der Kulturrelativismus unangetastet, es werden lediglich andere Konsequenzen gezogen. Der Hintergrund der kapitalistischen Wertvergesellschaftung wird hier genauso wie in allen anderen kulturalistischen Denkweisen übersehen. Der Zusammenhang zwischen ökonomischen Zwängen und reaktionärer Ideologie wird de-thematisiert. Genau so die bereits von Horkheimer und Adorno in der „Dialektik der Aufklärung“ dargestellten Tendenzen aufgeklärten Denkens, in einem oberflächlichen Schematismus zu verharren, der in letzter Konsequenz den Menschen genau so verobjektiviert, wie jeden anderen seiner Gegenstände. Dieses aufgeklärte Denken ist tatsächlich bereits über den gesamten Globus verbreitet – Verletzungen aufklärerischer Glücksversprechen sind nicht Ergebnis mangelnder Aufklärung, sondern Folge des regressiven Kerns aufklärerischen Denkens. Eine Durchsetzung von egalitären und freiheitlichen Prinzipien ist auf Basis einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung überhaupt nicht möglich, da diese notwendiger Weise eine funktionale Differenzierung, sowie eine soziale Selektion hervorbringt und somit die Menschen ganz im Sinne aufklärerischer Rationalität funktionalisiert und verobjektiviert.
Der Begriff der Kultur wird in der Gegenwart häufig als Standard gedacht. Die Rede ist von einer Unternehmenskultur, einer Fehlerkultur, einer Kultur des Fleißes oder einer Führungskultur. Begriffe, wie der von Bundeskanzler Schröder in Bezug auf Arbeitslose, die ihre Rechte kennen, geprägte Begriff der „Mitnahmementalität“, sind vergleichbar. Es geht in allen diesen Fällen darum, dass ein gewisser Standard definiert wird, an den sich zu halten sei, wenn man erfolgreich sein will. Dass es um eine spezifisch historische Form von Erfolg, nämlich den Erfolg in der kapitalistisch-marktwirtschaftlichen Konkurrenz geht, wird hierbei ausgeblendet. Der kapitalistische Konkurrenzerfolg beinhaltet immer auch den Misserfolg der Ausgebooteten. Die Idee von Kulturstandards als Erfolgsvoraussetzung lässt Erfolg- und Misserfolg jedoch als individuelle Phänomene erscheinen, die lediglich von der Führungskultur, der Unternehmenskultur, dem Fleiß oder der Flexibilität von Einzelnen, Gruppen oder Institutionen abhängig sind. In Zeiten der kapitalistischen Krise gewinnt das Paradigma von Kultur als Standard in sofern besonders an Relevanz. Der Kapitalismus, der keinem scheinbar äußerem Feindsystem mehr gegenübersteht, beginnt an seinen eigenen Basiskategorien zu scheitern – und seine Apologeten begegnen dem nicht etwa mit offenen Rechtfertigungen, sondern indem sie ihn stumm in den Hintergrund blenden. In der spätmodern-neoliberalen Ideologie können so ökonomische Notlagen als Individualverschulden erscheinen und selbst links-grüne Regierungen können auf diese Weise Verschärfungen der Repressionspolitik gegen Arbeitslose (Harz IV, etc) mit ihren Grundsätzen vereinbaren. Schließlich ist ein System, das Flexibilität fördert und auf diese Weise „Arbeit schafft“ immer noch sozialer als der alte, verkrustete versorgende Sozialstaat, der ja erst die schrödersche „Mitnahmementalität“ hervorgebracht hat. Der hier zu Grunde liegende Kulturbegriff weist große strukturelle Ähnlichkeiten mit dem Kulturbegriff in Huntingtons Theorie der Welt als einer Welt aus „Kulturkreisen“ auf. Auch hier wird Kultur als Ansammlung von Normen und Werten (in gewisser Weise eine Form von ‚Standards‘) gedacht, die ursächlich für soziale Verhältnisse sind. Die global totalitäre kapitalistische Vergesellschaftungsweise wird auch hier de-thematisiert; zu Gunsten einer fragmentarischen Sichtweise, die die Ursachen von Problemen in letzter Konsequenz bei den Leidtragenden selbst sucht.
Die Vorstellung von der Umerziehung beinhaltet das Narrativ, die Deutschen seien nach dem verlorenen zweiten Weltkrieg von den Siegermächten gezielt ideologisch umerzogen worden. Dabei sollen den Deutschen insbesondere ihr Nationalstolz aberzogen worden seien. Überdies wird eine vermeintliche ‚Amerikanisierung‘ der ‚deutschen Kultur‘ konstatiert. Die Umerziehungsthese ist insbesondere bei offenen Nazi-Ideolog_innen verbreitet. Mit dem Aufkommen von PEgIdA und co verbreitete sie sich jedoch auch im rassistischen Mainstream und in vermeintlich demokratischen Rechtsparteien wie der AfD. Auch Teile der Friedensbewegung hängen mittlerweile der Umerziehungsthese an, so zum Beispiel die Demonstrationen unter dem Motto „Engagierte Demokraten gegen die Amerikanisierung Europas“. Die Idee von der Umerziehung ist Ausdruck kulturalistischer Ideologie und geht konform mit dem Zeitgeist des cultural turn, in dem soziale Veränderungen als Folge von Änderung des kulturellen Skripts gedeutet werden. Soziale Dynamiken in der Spätmoderne wie die Beschleunigung, das Fallen räumlicher Distanzen oder die Entdifferenzierung sozialer Sphären stehen im Kontext des Fortschritts der Produktivkräfte und der Veränderung der organischen Zusammensetzung des Kapitals. Sie bringen veränderte Lebenswelten hervor und in Zusammenwirken mit den Kämpfen emanzipatorischer Bewegungen konnten die männliche Herrschaft oder das heteronormative Familienbild in Frage gestellt werden. In der kulturalistischen Lesart der Umerziehung jedoch ist kein Platz für sich entwickelnde Produktivkräfte, kapitalistische Tendenzen und soziale Bewegungen. Hier dominieren geheime Mächte, Lobbies und Kulturfremde die sozialen Verhältnisse: sie ändern per Beschluss das kulturelle Skript, manipulieren via Medien und Erziehung in die Richtung, die ihren Zwecken gerecht wird. Eine soziale Relevanz hat die Umerziehungsthese vor allem deshalb, weil für in den Gedankenwelten sowohl etwa von Männerrechtlern als auch von Rassist_innen, neuen Nazis und deutschen Geschichtsrevisionist_innen eine Erklärungskraft besitzt.
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