Zitate: Kultur, Krise, Kulturalismus

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Kontextualisierte Zitate zu „Kultur“ und kulturalistischer Ideologie
Huntingtons Clash of "Civilizations"Eine materialistisch-ideologiekritische Perspektive

Nach dem Ende des Kalten Krieges diskutierten Intellektuelle aus dem siegreichen westlichen Machtblock, wie die Geschichte der Menschheit nun weitergehen werde.

Die erste These, die weithin Relevanz gewann war die vom ¨End of history¨ des US-amerikanischen Wissenschaftlers Francis Fukuyama. Diese besagt, dass nach dem Ende des real existierenden Sozialismus die liberale Demokratie einen weltweiten Siegeszug erfahren wird. Sie sei die letzte und höchstmögliche Entwicklungsstufe menschlicher Gesellschaftlichkeit, markiere gewissemaßen das ¨Ende der Geschichte¨.

Die reale geschichtliche Entwicklung widerlegte Fukuyamas fragwürdige These kurzer Hand. Bürgerkriege (bspw. Jugoslawien, Tschetschenien), das Entstehen neuer Diktaturen in ehemaligen GUS-Staaten (bspw. Kirgistan, Tadschikistan, Belarus), das Erstarken von islamistischen Bewegungen (bspw. die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan 1996), verstärkte terroristische Anschläge erforderten einen anderen Erklärungsansatz.

Von Seiten der westlichen Sieger_innen des Kalten Krieges wurde der meistbeachtete Ansatz durch den Harvard-Professor Samuel P. Huntington geliefert. 1993 veröffentlichte er in der ¨Foreign Affairs¨ seinen Aufsatz ¨The Clash of Civilizations?¨ und legte 1996 mit einem gleichnamigen Buch, jedoch ohne Fragezeichen im Titel, nach. Sein Erklärungsansatz soll im Rahmen dieses Referates erklärt und später materialistisch-ideologiekritisch eingeordnet werden.

¨The great divisions among humankind and the dominating source of conflict will be cultural. Nation states will remain the most powerful actors in world affairs, but the principal conflicts of global politics will occur between nations and groups of different civilizations. […] as a result of the Russian Revolution and the reaction against it, the conflict of nations yielded to the conflict of ideologies, first among communism fascism-Nazism and liberal democracy. During the Cold War, this latter conflict became embodied in the struggle between the two super-powers […]. During the Cold War the world was divided into the First, Second and Third Worlds. Those divisions are no longer relevant. It is far more meaningful now to group countries not in terms of their political or economic sytems or in terms of their level of economic development but rather in terms of their culture and civilization.¨ (Huntington 1993, S. 136f)

¨A civilization is thus the highest cultural grouping of people and the breadest level of cultural identity people have short of that which distinguishes humans from other species. It is defined both by common objective elements, such as language, history, religion, customs, institutions, and by the subjective self-identification of people. People have levels of identity: a resident as a Roman, an Italian, a Catholic, a Christian, a European, a Westerner. The civilization to which he belongs is the broadest level of identification with which he strongly identifies.¨ (Huntington 1996, S. 43)

¨as Melko concludes after reviewing the literature, exists on at least twelve major civilizations, seven of which no longer exist (Mesopotamian, Egyptian, Cretan, Classical, Byzantine, Middle American, Andean) and five which do (Chinese, Japanese, Indian, Islamic, and Western). To these five civilizations it is useful in the contemporary world to add Orthodox Latin American, and, possibly, African civilizations.¨ (Hungtington 1996, S. 45)

¨Western concepts differ fundamentally from those prevalent in other civilizations. Western ideas of individualism, liberalism, constitutionalism, human rights, equality, liberty, the rule of law, democracy, free markets, the seperation of church and state, often have little resonance in Islamic, Confucian, Japanese, Hindu, Buddhist or Orthodox cultures. Western efforts to propagate such ideas produce instead a reaction against >human rights imperialism<.¨ (Huntington 1993, S. 141)
 
¨In this quasi-war, each side has capitalized on its own strengths and the other side’s weaknesses. Militarily it has been largely a war of terrorism versus air power. Dedicated Islamic militants exploit the open societies of the West and place car bombs at selevted targets. Western military professionals exploit the open skies of Islam and drop smart bombs on selected targets. […] Between 1980 and 1995, according to the U.S. Defense Department, the United States engaged in seventeen military operations in the Middle East, all of them occurred against the people of any other civilization.¨ (Huntington 1996, S. 217)

¨The underlying problem for the West is not Islamic fundamentalism. It is Islam, a different civilization whose people are convinced of the superiority of their culture and are obsessed with the inferiority of their power. The problem for Islam is not the CIA or the U.S. Department of Defense. It is the West, a different civilization whose people are convinved of the universality of their culture and believe that their superior, if declining, power imposes on them the obligation to extend that culture throughout the world. These are basic ingredients that fuel conflict between Islam and the West.¨ (Huntington 1996, S. 217f)

¨In the short term it is clearly in the interest of the West to promote greater cooperation and unity within its own civilization, particularly between its European and Norh American components, […] to prevent escalation of local inter-civilization conflicts into major inter-civilization wars, to limit the expansion of the military strength of Confucian and Islamic states; to moderate the reduction of Western military capabilities and maintain military superiority in East and Southwest Asia, […] to strengthen international institutions that reflect and legitimate Western interests and values and to promote the involvement of non-Western states in those institutions.¨ (Huntington 1993, S. 144)

Huntington, Samuel P. (1993): The Clash of Civilizations? in: Ó Tuathail, Gearóid (2006): the geopolitics reader, New York, S. 136-144

Huntington, Samuel P. (1996): The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order, London

¨Ganz im Gegensatz zur deutschen Philosophie, welche vom Himmel auf die Erde herabsteigt, wird hier von der Erde zum Himmel gestiegen. D.h., es wird nicht ausgegangen von dem, was die Menschen sagen, sich einbilden, sich vorstellen, auch nicht von den gesagten, gedachten, eingebildeten, vorgestellten Menschen, um davon aus bei den leibhaftigen Menschen anzukommen; es wird von den wirklich tätigen Menschen ausgegangen und aus ihrem wirklichen Lebensprozeß auch die Entwicklung der ideologischen Reflexe und Echos dieses Lebensprozesses dargestellt. Auch die Nebelbildungen im Gehirn der Menschen sind notwendige Sublimate ihres materiellen, empirisch konstatierbaren und an materielle Voraussetzungen geknüpften Lebensprozesses. Die Moral, Religion, Metaphysik und sonstige Ideologie und die ihnen entsprechenden Bewußtseinsformen behalten hiermit nicht länger den Schein der Selbständigkeit. Sie haben keine Geschichte, sie haben keine Entwicklung, sondern die ihre materielle Produktion und ihren materiellen Verkehr entwickelnden Menschen ändern mit dieser ihrer Wirklichkeit auch ihr Denken und die Produkte ihres Denkens.¨ (MEW 3, S. 26f)

Die materialistische Philosophie geht davon aus, dass das gesellschaftliche Bewusstsein, also auch Ideologie und Religion, sich aus den wirklichen gesellschaftlichen Verhältnissen speist.

Also was und wie der Mensch produziert. Im Kapitalismus produzieren die Menschen Waren (also Gegenstände, die auf dem Markt verkauft werden sollen) unter Bedingungen eines Klassenverhältnisses (Trennung von Produktionsmitteln und produzierenden, Verkauf der Arbeitskraft als Ware).

Der Kapitalismus ist ein totalitäres gesellschaftliches System. Er hat sich nach innen (in alle Lebensbereiche) und nach außen (in alle Weltregionen) nahezu restlos durchgesetzt.

Die Menschen sind abhängig vom Markt, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Aber der Kapitalismus entwickelt sich krisenhaft und ist dazu immer weniger in der Lage. Das bringt Kritik hervor, aber auch Welterklärungsmodelle, die einzelnen Personen, oder Menschengruppen, oder Abweichungen von bestimmten Moralvorstellungen die Verantwortung hierfür zuschieben. Zum Beispiel: Rassismus (biologisch und kulturell), Antisemitismus, Islamismus, u.v.m

Der sich auf Marx berufende Theoretiker Robert Kurz geht davon aus, dass die sich insbesondere seit den 90er Jahren verschärfende globale Krise des Kapitalismus dieser Krisenideologien immer stärker hervorbringt.

¨Es ist bezeichnend, wie die offenkundigen Zusammenhänge von Krise und Globalisierung, von Weltmarkt und Barbarei in der verzerrten Wahrnehmung des weltdemokratisch-marktwirtschaftlichen Bewusstseins und seiner Medien erscheinen. […] So hat sich eine weltdemokratische Leier eingespielt, von der die Existenz der Krisenpotentaten, der Banden und Milizen etc. regelmäßig so dargestellt wird, als wären es diese Erscheinungen, die das eigentlich notwendige und mögliche Funktionieren der marktwirtschaftlich-kapitalistischen Produktionsweise und deren segensreiche Prosperität verhindern.¨ (Kurz 2003, S. 89)

¨Anfang der 90er Jahre, als die Welt noch ganz unter dem Eindruck des Kalten Krieges und des Systemkonflikts zwischen Staatskapitalismus und Konkurrenzkapitalismus seit der Mitte des 20. Jahrhunderts stand, war in den Deutungen die politökonomische Auseinandersetzung zwischen Staatsorienierung und Marktorientierung bestimmend.¨ (ebd)

¨Das Paradigma der politischen Ökonomie ist durch das Paradigma des Kulturalismus ersetzt worden. Mit derselben Inbrunst, wie man in den 70er Jahren Klassenkämpfe und Krisentheorien studiere, wurden nun kulturelle Formen, >kulturelles Kapital< (Bourdieu), Lebensstile, Identitätsformen, usw. studiert. Keineswegs zufällig und keineswegs bloß zeitlich schließt diese intellektuelle Wende komplementär an die sozial- und wirtschaftspolitische Wende des Neoliberalismus an. Die Gesellschaft wird nicht mehr wesentlich als Produkt der politischen Ökonomie, sondern als Produkt eines >kulturellen Diskurses< begriffen, statt das kulturelle Moment zur Dynamik der Kapitalakkumulation und ihrer Krisen in Beziehung zu setzen.¨ (ebd., S. 90f)

¨Emotionen, Hass und Stammessolidarität seien es, die zur Gewalt führen, hören wir beständig. […] Es fällt uns schwer in Handeln und Strukturen, welche uns zuwider sind, Arbeit oder Märkte zu sehen. Doch damit verraten wir nur, dass wir diese Begriffe jenseits unserer fachlichen Definition emotional positiv besetzen. […] In gewaltoffenen Räumen bildet sich eine völlig deregulierte Marktwirtschaft, eben eine radikalfreie Marktwirtschaft. Die kulturalistische Brille führt zum Missverstehen dieser Struktur. Nicht Ethnien und Clans, sondern wirtschaftliche Interessen (vom Profit über Sold, vom Erlös aus Raubesgut bis zur einfachen Subsistenz) stehen in diesen Bürgerkriegen gegeneinander¨ (Elwert 1996)

¨Der Begriff der ¨Kultur¨ oder ¨Zivilisation¨ wird von seinem materiellen reproduktiven Zusammenhang gelöst, um einerseits die (ursprünglich vom Westen ausgegangene) kapitalistische Reproduktionsform ahistorisch auf die Ebene von Naturprozessen und Naturgesetzlichkeiten zu bringen und andererseits die kulturellen Muster an ihrer Kompatibilität mit dieser kapitalistischen angeblichen ¨Naturform¨ der Gesellschaft zu messen.¨ (Kurz 2003, S. 96)

¨Für die unpassenden Tatsachen ist nunmehr das aus Kulturalismus und Institutionenökonomie destillierte Feindbild einer der an sich ¨guten¨ Marktwirtschaft als fremd und äußerlich gegenübergestellten Weltkorruption, Weltkriminalität, Weltbarbarei usw. Zuständig. Diese in ihrer Genesis völlig unerklärten Phänomene gelten als die niederzuringenden Kräfte, die angeblich irgendwie aus dem ¨Bösen¨ an sich aufgestiegen sind, wobei das so gewonnene völlig verzerrte und auf den Kopf gestellte Bild der kapitalistischen Krisenwelt mit einer ebenso kulturalistischen Fronststellung des ¨Abendlands¨ gegen die fiktiv zurechtkonstruierten afrikanischen, asiatischen, islamischen usw. Gegenwelten angereichert wird.¨ (ebd., S. 102)

¨Huntington versuch versucht, den negativ universalisierten totalen Raum des einheitlichen real-ökonomischen Weltsystems als stummen Hintergrund wegzublenden, um die aus diesem Raum aufsteigenden Barbarisierungsprozesse in ein Ringen von einander ganz äußerlichen und fremden ¨Kulturen¨ oder ¨Zivilisationen¨ umzudeuten.¨ (ebd., S. 82)

¨Nun mag die Weltpolizei noch so hart zuschlagen, sie wird den Feind nicht wirklich treffen, weil sie ihm seinen richtigen Namen nicht geben kann. Versuche wie der von Huntington […] können die Kohärenz des Feindbildes nicht zurückbringen. Diese ist mit dem Ende des bipolaren Weltkonflikts für immer entschwunden, da das praktisch universalisierte, monozentrische Weltsystem der Globalisierung eben kein ¨Außen¨ mehr hat und damit auch keine Veräußerlichung des Feindbilds mehr ermöglicht.¨ (ebd., S. 84)

Elwert, Georg (1996): Nicht ethnische sondern ökonomische Konflikte stehen hinter Kriegen; in Frankfurter Rundschau, 30.07.1996, zit. n.: Kurz, Robert (2003): Weltordnungskrieg. Das Ende der Souveränität und die Wandlungen des Imperialismus im Zeitalter der Globalisierung, Bad Honnef

Marx, Karl; Engels, Friedrich: Die deutsche Ideologie. Kritik der neuesten deutschen Feuerbach, B. Bauer und Stirner und des deutschen Sozialismus in seinen verschiedenen Propheten

Kurz, Robert (2003): Weltordnungskrieg. Das Ende der Souveränität und die Wandlungen des Imperialismus im Zeitalter der Globalisierung, Bad Honnef

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